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Lenya Story – Das, was ich noch weiß, fand ich gut.

Die Bühne, auf der Sona MacDonald als Lotte Lenya und Tonio Arango als Kurt Weill singen, ist schief. Natürlich. Das scheint im Moment ein großer Trend zu sein: die Gelenke der Schauspieler*innen durch experimentelle Bühnengeometrie in ungesunde Winkel zu bringen. Vielleicht um Mitleid beim Publikum auszulösen und damit schlecht ausgearbeitetes Storytelling zu überschatten? Wer weiß.

Lenya Story – Eine Hommage an Lotte Lenya und Kurt Weill im Renaissance Theater wäre auch ohne diese Bühne gelungen gewesen.
Für jemanden, der als Kind nicht gezwungen – oder nennen wir es motiviert – wurde, Teile der Dreigroschenoper von Berthold Brecht auswendig zu lernen und dann auf dem Küchentisch stehend zu rezitieren, mag diese Hommage an zwei Leute neben Brecht vielleicht eher uninteressant wirken. Für mich ist es ein Teil meiner Erziehung, irgendwie.
Umso erstaunter war ich, dass ich Lotte Lenya vorher nicht kannte, denn ich stehe auf starke Frauen.

Meiner Meinung nach ist Sona MacDonald die perfekte Verkörperung Lotte Lenyas. Ihr rauchiger Gesang fühlt sich ehrlich und richtig an, so als könne sie sich mit ihrer Rolle auch wirklich identifizieren. Sie könnte eine Zeitreisende aus den 1920ern sein, ich würde ihr es abkaufen.
Auch Tonio Arango, obwohl dieser offensichtlich nicht im Fokus steht, macht seine Sache mehr als gut.

Sieht aus wie eine Femme fatale und war ziemlich sicher auch eine. ©AllMusic

Insgesamt ist das Stück (Zwei Stunden, inkl. Pause) wie eine musikalisch untermalte Geschichtsstunde zu verstehen. Man begleitet Lotte Lenya bei ihrem Werdegang, ihren zahllosen Männergeschichten und bei den Auswirkungen der weltpolitischen Lage der 1930er auf ihr persönliches Leben. Der ein oder andere Hitler-Joke ist auch dabei. (Ich hab’ gelacht, die älteren Herrschaften eher nicht so.)

Doch genauso wie bei jeder Geschichtsstunde, ist es auch hier so: Interessiert man sich nicht für das Thema, wird es einen definitiv langweilen. Also Augen auf bei der Stückauswahl!

In der Pause hatte ich übrigens ein großzügig eingeschenktes Glas Rotwein, was ich schlussendlich exen musste, weshalb ich die zweite Hälfte des Stückes wahrscheinlich auch besser fand.
(Ganz ehrlich, dass ich das Stück gesehen habe ist beinahe zwei Wochen her, ich klammere mich hier also nur noch an die Bruchstücke meiner Erinnerung. Es lohnt sich auf jeden Fall hinzugehen, auch wenn es nur dafür ist, um das ältere Klientel mit der eigenen Anwesenheit zu erschrecken.)

Abbildung: Uraufführung der Dreigroschenoper 1928 in Berlin (picture-alliance / akg-images)
1 Comment
  1. Goldfinger 2 Jahren ago
    Reply

    Well done.

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