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Lenin – Ich glaub‘ ich bin im Film!

Das letzte Mal, dass ich mir ein Stück in der Schaubühne angeguckt habe, war 2012. Ich war – Überraschung – zwölf Jahre alt und besuchte mit meinen Eltern Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo.
Ich fand das Stück gut, natürlich. Es war modern und es kam ein Mann in einem Astronautenanzug vor. Die Ansprüche die ich in dem Alter hatte wurden also erfüllt.
Seitdem war ich kein einziges Mal mehr zu einem Theaterstück in der Schaubühne, meinen fehlgeschlagenen Besuch der Autistic Disco zählen wir dafür mal nicht mit.
Für Lenin habe ich mich endlich wieder in besagtes Etablissement gewagt und ganz ehrlich, ich weiß nicht, wieso ich es nicht vorher schon getan habe.

Das Stück Lenin läuft seit Oktober 2017, Regie führte Milo Rau – der soll ganz toll sein, habe ich gehört, kennen tat ich ihn bis jetzt aber nicht.
Wie der Titel des Stückes schon sagt, geht es um Wladimir Iljitsch Uljanow, besser bekannt unter dem Namen Lenin. Ein russischer kommunistischer Politiker, Revolutionär und Marxist – der auch mal sterben muss. Genau das wird in dem Stück behandelt: Der Tod des Lenin.

Eine Frau spielt Lenin, aber das funktioniert unglaublich gut!

Als ich mit meiner Begleitung den Zuschauerraum betrete, beginnen die Schauspieler*innen sich auf der linken Seite der Bühne umzuziehen. Neben einer Garderobenstange mit den Kostümen ist eine Sitzreihe aufgebaut, wo sich die Schauspieler*innen niederlassen und uns genauso anstarren, wie wir sie anstarren. Unangenehm.
Auf der anderen Seite der Bühne ist der Tisch der Maskenbildner*in des Stückes aufgebaut, daran sitzen Felix Römer, er verkörpert Trotzki, und Ursina Lardi, welche Lenin spielt.
Ja, richtig gelesen: Eine Frau spielt Lenin, aber das funktioniert unglaublich gut!

In der Mitte der Bühne ist ein kleines Haus aufgebaut, Lenins Landhaus mitten im Nirgendwo Russlands. Und worauf steht es? Natürlich auf einer Drehbühne. Ohne geht es heutzutage ja nicht mehr, habe ich gehört. (Aber Spoiler: Ich fand’s gut.)

Ursina Lardi in voller Montur als Lenin ©Thomas Aurin

Das Stück ist aufgebaut wie ein Spielfilm. Über dem Hause Lenins ist eine Leinwand angebracht, auf der gezeigt wird was die zwei Kameras, welche auf der Bühne herumschwirren, vor die Linse bekommen.
Wie im Kino sitzt man da, sieht sich den Vorspann auf der Leinwand an, live werden die Figuren vorgestellt, zusammen mit den Namen des gesamten Teams hinter den Kulissen.
Die Schauspieler*innen bewegen sich fließend zwischen der Sitzreihe, wenn sie mal nichts zu tun haben, dem Haus, wenn sie dann doch mal was zu tun haben, und dem Tisch der Maskenbildner*in, wo sie geschminkt werden, etc.
Ursina Lardi zum Beispiel beginnt das Stück ohne jegliche Maske, ihre blonden Haare fallen über ihre Schultern, erst später bekommt sie eine Halbglatze aufgesetzt und den Schnautzer angeklebt – was wirkt besser, fragt man sich da. Wenn ich ehrlich bin, wirkt die Performance von ihr erst vollkommen, sobald sie auch äußerlich Lenin verkörpert.

 

An sich könnte man das Theaterstück eher als Live-Kino bezeichnen. Es wird gezeigt, was das Theater alleine nicht kann.

Die anderen Schauspieler*innen stellen die historischen Figuren, die sie verkörpern, hervorragend dar. Vor allem Felix Römer als Trotzki ist mir dabei in Erinnerung geblieben. Im Stück hält er einen Monolog über seinen Besuch der Premiere von Frank Wedekind’s Frühlingserwachen, ein zu dieser Zeit von Sex und Vulgarität triefendes Stück. Genauer beschreibt er die Szene einer Masturbation – und das sehr sehr realitätsnah. Währenddessen ist auf der Leinwand nur sein von Erregung verzerrtes Gesicht zu sehen. Man könnte das als unnötige Sexualisierung darstellen, aber es wirkt einfach. Irgendwie.

Noch besser sieht diese Szene durch die Kamera (links) aus… ©Thomas Aurin

Insgesamt macht die Arbeit mit den zwei Kameras einen großen Teil der Ästhetik des Stückes aus. An sich könnte man das Stück mehr wie ein Live-Kino beschreiben, anstatt es als Theaterstück zu bezeichnen. Die Möglichkeit, die Schauspieler auf der Bühne zu beobachten, wirkt mehr wie eine Option als ein Muss, der Fokus liegt klar auf dem, was auf der Leinwand gezeigt wird.
Und eben jene filmische Arbeit zeigt, was der Film im Gegensatz zum Theater nicht machen kann. Emotionen werden durch Nahaufnahmen besser eingefangen, einzelne Szenen verschwimmen durch fließende Übergänge der Kameras in ein großes Ganzes. Es gibt kaum eine Szene, bei der auf die Bühne geguckt werden muss. Ob das positiv oder negativ ist, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Was im ersten Moment unansehnlich und makaber wirkt, ist auf den zweiten Blick unangenehmer Realismus.

Ich muss sagen, dass eben dieser filmische und technische Aspekt auch das Beste am Stück ist. Auch wenn dem Stück eine generelle Grundspannung zugrunde liegt, ausgelöst durch den Donner eines nahenden Gewitters (was ich mal ganz schlau als Lenins baldigen Tod deute), passiert nicht wirklich viel. Zwar agieren die Charaktere miteinander – natürlich, was sollten sie sonst tun -, aber eine richtige Handlung gibt es nicht. Es wird über die Revolution geredet, über Ideologien diskutiert und darüber, was passieren wird, nachdem Lenin verstorben ist. Das alles, während dieser im Nebenraum immer weiter mental und körperlich verkümmert.
Gegen Ende des Stückes erleidet Lenin seinen finalen Schlaganfall. Der Körper auf der linken Seite komplett eingefallen, sabbernd und wirres Zeug murmelnd – so verkörpert Ursina Lardi ihren Lenin. Was im ersten Moment unansehnlich und makaber wirkt, ist auf den zweiten Blick unangenehmer Realismus, denn genauso ging es Lenin in seinen letzten Monaten.
Um diese historische Realität zu unterstreichen, schalten die Kameras auf schwarz/weiß und es wird ausschließlich auf russisch gesprochen.
Mit etwas Hintergrundwissen (was ich davor nicht hatte, meine Begleitung jedoch schon) sehen die Aufnahmen auf der Leinwand fast genauso aus wie historische Bilder des wirklichen Lenins. Schon krass.

Lenin stirbt, da sind seine Mitmenschen eben melancholisch.

Die Drehbühne und die Leinwand. ©Thomas Aurin

Wie man vielleicht schon in meinen vorherigen Posts mitbekommen haben könnte, bin ich kein ultimativer Fan von unnötiger Technik auf der Bühne, wenn es so viel anderes zu sehen gibt. Doch eben weil bei dieser Inszenierung der Fokus so sehr auf dem Filmischen liegt, empfinde ich das mehr als faszinierend. Teilweise habe ich mich mehr auf das was ich sehe konzentriert, als auf das was gesprochen wird. Zwar machen die Schauspieler*innen alle grandiose Arbeit, die wahren Talente sind in diesem Fall aber das Kamerateam und die Technik. Zusammen mit der extrem detaillierten Einrichtung des Hauses, ergibt das alles eine extrem realistische Inszenierung wenn man von der tatsächlichen Handlung absieht.
In vielen anderen Kritiken der Inszenierung wird das Stück generell als kitschig bezeichnet, was mir beim ersten Sehen jetzt nicht aufgefallen ist, im Nachhinein mag das aber vielleicht auf manche so wirken. Lenin stirbt, da sind seine Mitmenschen nun eben melancholisch, und genau das wird zum Beispiel auch durch die Musik im Hintergrund verdeutlicht.

Für jemanden, der sich für russische Geschichte interessiert, ist das Stück auf jeden Fall einen Besuch wert, doch auch nur der Aspekt wie der Inhalt dargestellt wird, ist unglaublich interessant. Wer auf ästhetische Filmaufnahmen steht, wird Lenin lieben, glaubt mir!

(Vorwissen über die Geschichte Russlands braucht man meiner Meinung dafür nicht, ich hatte auch keins. Das einzige Vorwissen, was man vielleicht braucht: Unbedingt Karten in den Reihen etwas weiter hinten nehmen, sonst ist unangenehme Nackenstarre garantiert.)

 

Beitragsbild: ©Thomas Aurin
1 Comment
  1. Vasco 2 Jahren ago
    Reply

    Ich platze wieder………

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