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Ich habe Szenensucht – ihr auch?

Theater kann mehr als Emilia Galotti und Die Räuber.
Theater ist das Gegenteil von dem, was man als Schüler gewohnt war: Lesen von Die Ratten mit verteilten Rollen, während der Lehrer es genießt, wie alle an dem Berliner Dialekt der Figuren scheitern.

Theater erfindet sich neu, und das durch uns. Wir wissen, was wir sehen wollen.

Theater ist:
Im Zuschauerraum sitzen. Zwischen allen möglichen Leuten. Die alte, zerknitterte Frau mit der roten Federboa, der die Inszenierung 1986 besser gefallen hat. Der unangenehm coole Typ, der so alternativ aussieht, man möchte ihn nur hassen, weil er das Wort kafkaesk benutzt hat. Theatertouristen aus Neuhof an der Zenn, die nur da sind, weil Bärbel ihnen das Stück nach dem bunten Abend in der Stadthalle ans Herz gelegt hat.
Und wir.
Wir sind „die Neuen“. Die, auf die das Theater lange genug gewartet hat: Eine neue Generation an Theaterbesucher*innen.
Meiner Meinung nach ist Theater kein aussterbendes Medium. Es erfindet sich neu, und das durch uns. Wir wissen, was wir sehen wollen, wir müssen nur so viele werden, dass es gar nicht anders geht, als das auf unsere Bedürfnisse eingegangen wird.

Ich bin nicht die einzige junge Person im Theater, das weiß ich. Jedes Mal sehe ich so viele schöne Menschen, so viel begabter und intellektueller als ich. Aber – vielleicht ist das auch mein Größenwahn – ich will mehr.

Ich bin Johanna, 18 Jahre alt, und ein kompletter Theaternerd – auf eine coole Weise, hoffe ich. Ich habe eine Abneigung gegen Theater, was dafür konzipiert wurde, um nicht verstanden zu werden. Ich habe weder ein abgeschlossenes Studium der Theaterwissenschaften, noch bin ich Anfang sechzig, studiert und männlich, so wie die meisten Theaterkritiker die mir einfallen.
Ich falle komplett raus – und das ist auch gut so, denn ich will zugängliches Theater für alle. Für euch. 

Und ich will auch gar nicht so tun, als würde ich etwas auf der Bühne verstehen, wenn ich es nicht tue. Was nützt es mir, pseudointellektuell zu sein? Schlimmer als unverständliches Theater sind Leute, die so tun, als hätten sie es verstanden, meiner Meinung nach.
Ich sitze im Zuschauerraum und sage euch Bescheid, wie es wirklich war. Sind Leute während der Vorstellung gegangen? Würde ich mir das Stück immer wieder anschauen? Solltet ihr euch in der Pause einen Wein besorgen, damit die zweite Hälfte ein bisschen erträglicher wird? (Auf diese Frage lautet meine Antwort immer Ja.)

Ich erzähle euch alles, versprochen! Aber erst, nachdem ich meinen Theaterkantinen-Rausch ausgeschlafen habe.

Abbildung: Bühne/Zuschauerraum ©Georg Soulek/Burgtheater

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