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Galileo Galilei – Volksbühne im BE (feat. Drehbühne)

Umso mehr ich über Galileo Galilei nachdenke, desto mehr Emotionen habe ich und desto weniger weiß ich, wo ich anfangen soll.
Das “Leben des Galilei” ist ein Stück von Bertolt Brecht, was dieser 1938 im dänischen Exil schrieb. Brecht konnte sich mit jemandem wie Galilei identifizieren, einem unverstandenen Revolutionären mit allerhand Kontroversen. So viel zu den Fakten.
Handlungstechnisch geht es um Galileis Entdeckung, dass sich die Erde um die Sonne kreist und nicht andersherum, wie die Kirche es im 17. Jahrhundert vertrat.
Was Regisseur Frank Castorf daraus gemacht hat…ist besonders.

Wer Castorf nicht kennt: Frank Castorf ist Regisseur und war bis 2017 Intendant der Volksbühne hier in Berlin. Er ist bekannt für seine langen, reißerischen, schockierenden Inszenierungen und irgendwie auch einfach für sich selbst. Man kann sich Castorf als die zugespitzte, ältere Version von Lars Eidinger vorstellen. Entweder man liebt ihn oder man hasst ihn.
Man muss ihm lassen, dass Castorf während seiner Intendanz die Volksbühne zu dem machte, was sie heute ist. Genauso wie Brecht und Galilei ist er ein Revolutionär. Doch meiner Meinung nach, hat er das Ende seiner Revolution verpasst.

© Matthias Horn

Seine Inszenierung von Brechts Werk – jetzt umbenannt in “Galileo Galilei” – geht sechs Stunden. Sechs Stunden. Eine Pause. Ich sitze mit meinen Eltern in der sechsten Reihe an der Seite, die Vorstellung ist restlos ausverkauft.
Ohne Signal beginnt die Vorstellung. Auf der Bühne ist eine riesige Konstruktion aufgebaut – ein Teleskop. Dahinter ein Haus, mehrere Meter hoch, und noch vieles mehr, aber nicht wirklich erkennbar. Locker eine Drehbühne, denke ich mir und ich soll recht behalten.

So stelle ich mir mein Leben mit Ende achtzig auch vor.

Galileo Galilei wird von Jürgen Holtz verkörpert. Der Mann ist siebenundachtzig, also so alt, dass er Brecht noch hätte kennenlernen können. Er ist ein fähiger Schauspieler. Jemand, vor dem man aufgrund seines Alters und seines Könnens einfach Respekt hat.
Castorf lässt ihn jedenfalls erst einmal mindestens eine halbe Stunde nackt über die Bühne huschen. So stelle ich mir mein Leben mit Ende achtzig auch vor.
Was – auch aufgrund des Alters von Holtz – nachvollziehbar ist: Ein paar Textpassagen kommen ihm einfach nicht über die Lippen und die Souffleuse hat genug zu tun, verfolgt ihn auf Schritt und Tritt bei jeder Drehung der Bühne. Man verzeiht es ihm, natürlich. So viel Text könnte ich mir nicht mal jetzt merken, geschweige denn die Texte der anderen Schauspieler*innen, die alle noch mehr Redeanteil haben.
Generell finden kaum wirkliche Dialoge statt. Man sieht wie Monolog um Monolog auf der Bühne rezitiert wird. Diese sind so lang, spätestens nach der ersten Stunde höre ich nur noch die Geräusche der Münder, aber keinen Inhalt.

Ich bezweifle, dass mehr als fünf Personen im restlichen Publikum wirklich verstehen, was da oben passiert.

Das war meine erste Castorf-Inszenierung, aber ich war trotzdem durch Erzählungen vorbereitet auf das, was mich erwartete. Andere nicht. Als auf der Bühne buchstäblich Scheiße gegessen wurde (sah aus, wie abgelaufener Schokopudding), sind die ersten empörten Herrschaften aus dem Saal gestürzt. Lesbische Erotik? Aufkratzen von blutenden Pestbeulen? Alles dabei, viele Leute aber irgendwann nicht mehr. Hätte gerne einen Counter dafür gehabt, ehrlich gesagt.

Castorfs Sohn Rocco Mylord, der nackte Jürgen Holtz und Jeanne Balibar noch ohne Glatzkappe (v.l.) ©Matthias Horn

Das Stück zieht sich, keine Frage. Alle auf der Bühne machen ihren Job gut, aber ich bezweifle, dass mehr als fünf Personen im restlichen Publikum wirklich verstehen, was da oben passiert.
Von der Handlung, wie ich sie am Anfang kurz angerissen habe, ist man irgendwann vollkommen weg. Es wird über Theater an sich geredet (weil Castorf anscheinend kein Theater machen kann, ohne das Thema Theater an sich zu behandeln) und über Castorf selbst (weil Castorf anscheinend kein Theater machen kann, ohne über sein eigenes Genie und dessen Vergänglichkeit zu sprechen).
Komplett abseits der Handlung (oder was davon übrig ist) scheinen die Szenen mit Wolfgang Michael und Aljoscha Stadelmann zu sein. Sie spielen sich selbst, ziehen über das Stück her und würden am Liebsten in die Kantine abhauen. Same, boys, same. Obwohl genauso unverständlich wie die anderen Szenen auch, ist das Duo eine willkommene Abwechslung. Unverständlich sind sie nicht wegen dem was sie sagen, sondern weil sie so nuscheln.

Ich sitze das hier jetzt ab und das war’s.

In der Pause haue ich mir zwei Wein, eine Brezel und eine Stress-Zigarette rein, während die eine Hälfte des Publikums zu den Garderoben strömt um sich zu verziehen und die andere Hälfte ihre mitgebrachten Lunchpakete verschlingt. Bevor alle aus dem Saal geströmt waren, gab es kurzen Applaus – und verzweifelte Buhrufe. Sowas hatte ich davor noch nie erlebt.

Zu Beginn der zweiten Hälfte ist die Stimmung um einiges entspannter, irgendwie schon fast familiär – aber auch ziemlich gleichgültig, à la Ich sitze das hier jetzt ab und das war’s. Die Leute essen und trinken während gespielt wird und auch die generelle Lautstärke der Konversationen ist angestiegen. So enden Castorf-Aufführungen immer, wurde mir gesagt, und das kann ich nun nur bestätigen.

Nur um das ganze Köstumding der Frauen mal zu visualisieren. ©Matthias Horn

Was das Geschehen auf der Bühne betrifft, kann ich nicht viel dazu beitragen. Die Drehbühne dreht sich immer schneller, nur unterbrochen von völlig überflüssig wirkenden und grässlich langen Live-Videoclips, projiziert an mehrere Wände. Irgendwann übernimmt die Französin Jeanne Balibar die Rolle des Galileis (wie meine Eltern mir im nachhinein erklärt haben). Die läuft sowieso schon die ganze Zeit mit Glatzkappe, Nippelklebern und Mörderschuhen rum. Generell kann man die Kostüme der weiblichen Schauspieler*innen nur als symbolisch bezeichnen. Die ganze Zeit müssen die armen Frauen in Schuhen mit 10cm oder mehr Absatz durch die Gegend rennen. Ich mag hier keine falschen Statements von mir geben, aber feministisch war das Ganze nicht. Im Gegenteil.

Am Ende wird Jürgen Holtz wieder auf die Bühne geführt und spricht die letzten paar Sätze. Er ist müde, die Souffleuse ist müde, das Publikum ist müde. Die letzten zwei Stunden waren für mich mehr Berieselung meiner Sinne mit Sachen die ich nicht verstehe in einer unglaublichen Geschwindigkeit und Lautstärke, als wahrgenommenes Theater. Mir ging es bestimmt nicht als Einzige so.
Trotzdem gibt es großzügigen Applaus, alle sind froh, dass es vorbei ist. Stefanie Reinsperger ist beim Verbeugen gar nicht mehr dabei und auch Rocco Mylord verschwindet vorzeitig. Nach dem Stück kommt er mir draußen auf der Straße mit einer Tüte Essen entgegen. Ich kann’s nachvollziehen.

Insgesamt würde ich das Stück nicht nicht empfehlen, aber nicht weil es so grandios ist, sondern weil es ein Erlebnis ist. Eine Castorf-Inszenierung sollte man mal erlebt haben, einfach nur um seinen Theaterhorizont zu erweitern. Es gibt auch bestimmt Leute, die ihn grandios finden, nur gehöre ich nicht dazu. Castorfs beste Zeit ist, meiner Meinung nach, so gut wie vorbei. Er hat die Volksbühne nicht mehr und versucht nun das Gleiche an einem anderen Ort aufzubauen – im Berliner Ensemble.
Nichtsdestotrotz haben die Schauspieler*innen eine krasse Leistung dargebracht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man unter Castorf viel Spielraum für Eigeninterpretation seines Theaterspiels hat, und dafür haben sie wirklich das Beste daraus gemacht.
Und genau deswegen bin ich geblieben. Um zu applaudieren. Denn sie haben es wirklich verdient.

Beitragsbild: ©Matthias Horn

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