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Das theatralische Quartett der Schande aka: Vier Rezensionen in einem Post

Ich bin nicht wirklich sportlich. Ich habe Asthma und rauche gelegentlich, eine tödliche Kombination, und damals beim Schulsport war ich meistens nur ein Name ohne Gesicht auf einer Anwesenheitsliste. Aus diesem Grund ist meine Kondition nicht besonders gut. Was ich gar nicht kann?
Hoch springen. Und am wenigsten springen kann ich über meinen eigenen Schweinehund. (Was für eine cleveres sprachliches Bild, Johanna!)
Ich bin das ultimative Opfer des Prokrastinierens und Aufschiebens. Deswegen kamen auch so ewig keine Posts. Ich war innerhalb einer März-Woche fünf Mal im Theater, glaube ich. Bei so einer Masse ein einziges gescheites schriftliches Wort aus mir herauszubekommen ist Glückssache – und dieses Mal hatten wir alle kein Glück.

Weil ich also rein theoretisch sechs (?) Blogposts hinterherhinke, ich mich vor mir selbst schäme und meine Eltern nicht aufhören mich daran zu erinnern (Ja, ich meine dich, Mutter!), präsentiere ich hiermit:

Das theatralische Quartett der Schande aka: Vier Rezensionen in einem Post

©Matthias Horn

Ballroom Schmitz (Berliner Ensemble, 25.02)
Ballroom Schmitz im Berliner Ensemble habe ich mir jetzt schon drei Mal angesehen und ich habe nicht vor, aufzuhören es zu besuchen. Ich sitze mit meiner besten Freundin immer auf den gleichen Plätzen, teilweise können wir mitsprechen und nach der Vorstellung sprechen wir über die Figuren und Schauspieler*innen so, als wären sie unsere besten Freunde. Sind wir kleine Fangirls? Ja, meinetwegen, vielleicht. Aber nicht ohne Grund.
Ballroom Schmitz ist ein Stück, was von Clemens Sienknecht und Barbara Bürk auf die Beine gestellt wurde.
Wie die anderen beiden Stückentwicklung, welche im Repertoire des Deutschen SchauSpielHaus Hamburg zu finden sind (Effie Briest und Anna Karenina, „allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie“), ist Ballroom Schmitz eine Hommage einer Live-Radiosendung. Im Mittelpunkt steht Bernhard „Bernie“ Schmitz, dem Namensgeber der Sendung, dessen Lebensgeschichte erzählt wird. Seinem künstlerischen Schaffen in den Bereichen Literatur, Tanz, dem Erfinden von Instrumenten, etc., wird eine Bühne gegeben. Die Schauspieler*innen zeigen seine Choreographien, singen seine Songs und spielen seine Instrumente. Im Endeffekt kann man sich das Stück wie einen bunten Abend in der Stadthalle Wiebrechtshausen vorstellen, nur das die Leute auch wirklich gut sind.

Ganz ehrlich: Das Stück ist unglaublich meme-able

Mit den abstrusen Kleinigkeiten wird ein Paralleluniversum um Bernhard Schmitz geschaffen, was so realistisch kurios erscheint, man vergisst beinahe, dass er nie existiert hat. Ich persönlich kann einfach loslassen, wenn ich mir das Stück anschaue. Es ist nicht schwer zu verstehen, verdammt lustig und besitzt eine angenehme Länge, sodass keine Tiefs entstehen – und man kein schlechtes Gewissen haben muss, danach noch in die Kantine zu gehen.
Die Schauspieler*innen sind grandios, ich mag wirklich jede*n, ich könnte mich hier verlieren.
Und, ganz ehrlich: Das Stück ist unglaublich meme-able. Ich dachte nicht, dass ich das jemals von einem Stück sagen würde, aber ich hätte gerne GIFs davon…

 

„Ist halt Renaissance Theater.“ Und das stimmt und es tut mir leid, dass es stimmt.

Tanke Sehnsucht (Renaissance Theater,26/27.02)
Dieses Stück habe ich mir direkt nach Ballroom Schmitz an zwei Tagen hintereinander angeschaut. Nicht wirklich mit Absicht, es hat sich eher so ergeben.
Würde man mich bitten, das Stück in einem Satz zu beschreiben (was natürlich niemand tun würde), würde ich wahrscheinlich mit den Schultern zucken und sagen: „Ist halt Renaissance Theater.“ Und das stimmt und es tut mir leid, dass es stimmt.
In Tanke Sehnsucht geht es um mehrere Individuen mit ihren ganz eigenen Problemen, die sich alle ganz durch Zufall in einer Tankstelle ganz am Ende der Welt wiederfinden. Die erste menschliche Reaktion auf solch eine Situation ist natürlich: Oldies singen, die merkwürdig gut auf die Geschichten der Protagonist*innen zu passen scheinen. Ist ja mysteriös.
Gut, damit ist auch schon die Handlung erklärt. Die Charaktere werden nacheinander in die Handlung eingebunden, beginnen obszön früh Alkohol zu trinken (auch für meine Verhältnisse), dann essen sie Würstchen, dann fällt der Strom aus, sie betrinken sich und wachen am nächsten Morgen auf. Dann kiffen sie und der Hund, der gleichzeitig die Drummerin der begleitenden Band ist, stirbt. Ja, das sind Sachen, die wirklich passieren. Währenddessen tritt immer mal wieder eine Stimme aus dem Off auf, die irgendwie Gott darstellen soll, vermute ich. In der zweiten Hälfte hört die aber irgendwann einfach auf zu existieren und bleibt nur wie ein schlechter Traum im Hinterkopf zurück. Komisch.
Sei’s drum, die Handlung steht sowieso nicht wirklich im Fokus. Was im Fokus steht, ist die Musik. Und die ist auch wirklich gut! Sowohl die Band, als auch die Schauspieler*innen haben wirklich was drauf, auch wenn die Songauswahl jetzt vielleicht nicht die modernste ist. Ich kannte vielleicht ungefähr ein Drittel der Songs, habe aber auch mal ein Praktikum bei RadioBerlin 88.8 gemacht. Da spielen die nichts anderes als Oldies, ich bin also kein Richtwert.
Der Rest des Publikums hatte aber kein großartiges Problem mit der Playlist. Das Durchschnittsalter des Publikums war zwischen 50 und 85, typisch für das Renaissance Theater. Und glaubt mir, ich wünschte, es wäre nicht so. Und das ist, glaube ich, auch mein Hauptproblem mit dem Stück Tanke Sehnsucht. Es ist einfach, es macht Spaß, man kann mitklatschen, keine Frage, aber das war es auch. Es gibt einem nichts, außer einen netten, musikalischen Abend, der aber auch pünktlich zum Tatort wieder zu Ende ist. Und daran ist das Theater nicht mal wirklich Schuld, meiner Meinung nach. Irgendwie muss es sich eben über Wasser halten, obwohl es so viel mehr Potenzial hätte. Ich habe ein bisschen Angst um dieses kleine, süße Theater. Es fehlen einfach die jungen Leute. Was die anderen Berliner Theater schon geschafft haben, muss das Renaissance Theater noch tun, denn den jetzigen Zustand hat es nicht verdient. Besonders solche großartigen Schauspieler*innen wie Martin Schneider (s. Endspiel im BE), Guntbert Warns und Anika Mauer, die alle viel mehr könnten, als sie im Moment dürfen. Merkt man, dass ich frustriert bin? Gut.

© Arno Declair

Hamlet (Schaubühne,03.03)
Ja, richtig gelesen. Ich habe es geschafft, Karten für das Stück zu bekommen, für das man keine Karten bekommt. Also, theoretisch schon, aber noch nie waren die Server der Schaubühnen-Website nicht down, nachdem der Vorverkauf begonnen hatte. Alles wegen dieses einen Stückes.
Ich wusste nicht ganz, was ich erwarten sollte, bis auf die typische Selbstdarstellung von Lars Eidinger. Aber jetzt im Nachhinein kann ich sagen: Ohne Eidinger wäre das Stück nicht das, was es ist, aber schlecht wäre es auch nicht.
Die Handlung ist so einfach, wie sie bei Shakespeare eben einfach sein kann: Nicht. Hamlets Vater, der König von Dänemark, stirbt. Daraufhin heiratet Hamlets Onkel seine Mutter um König zu werden. Aus diesem Grund vermutet Hamlet, dass sein Onkel Mord an seinem Vater begangen hat. Um König zu werden, wie man das eben so macht. Es gibt hier ein Komplott, da eine Täuschung, Hamlet bringt aus versehen Polonius, den Vater seiner Liebe Ophelia um. Daraufhin bringt sie sich um. Hamlet hat einen Schwertkampf mit Laertes, ihrem…Bruder? Beide sterben, da beide Degenspitzen von Hamlets Onkel vergiftet wurden. Irgendwie sterben dann alle.
Ich hab’s versucht, okay?

Dreck reinigt den Magen

Jedenfalls spielt Eidinger natürlich Hamlet, was alleine schon ziemlich zur Selbstinszenierung einlädt. Die Bühne ist bedeckt von Blumenerde, welche von einem Rasensprenger bewässert wird oder es wird eine lange Tafel auf einem Podest durch eine mir unbekannte Technik darüber geschoben. Optional isst Lars Eidinger auch ziemlich viel von dieser Erde. Ich wünschte, ich würde lügen, aber er scheint Dreck reinigt den Magen ziemlich wortwörtlich zu nehmen. Er hat wirklich im Laufe der Vorstellung mehrere Hände voll Erde zu sich genommen.

© Arno Declair

Ob das Improvisation ist oder nicht, man weiß es nicht. Von Improvisation gibt es so oder so genug, natürlich alles initiiert von Eidinger. Genauer gesagt improvisiert er sogar so viel, dass er, nachdem er damit fertig ist, seinen Kolleg*innen die Einsätze geben muss, weil er sich da so verrennt. In der Vorstellung in der ich war, hat er drei Leute im Publikum gezwungen aufzustehen, weil sie alle Beige trugen. Dann ist er durch den Zuschauerraum geschlendert und hat sich generell alle ein Mal angeguckt. Dann hat er so getan, als wäre das Stück schon zu Ende (und das so überzeugend, dass manche angefangen haben zu klatschen). Und Fortnite-Tänze gab es von ihm auch. Mit denen hatte ich irgendwie gerechnet, ich weiß nicht wieso.
Es ist zu beobachten, es passiert viel abseits der eigentlichen Handlung. Und trotzdem wird es überraschenderweise nicht zu konfus, das man den Faden verlieren könnte. Nach dem Stück konnte ich die Handlung auch noch besser wiedergeben als jetzt gerade. Dass man trotz Eidingers Einlagen so gut folgen konnte, erkläre ich mir mit den restlichen Schauspieler*innen. Einige mögen es stumpfsinnig finden, aber die haben ihren Text schön aufgesagt wenn sie dran waren und keine unnötigen Faxen gemacht. Manchmal wirkten alle auf der Bühne etwas genervt von Lars, was ich verstehen kann. Das Stück läuft seit 2008 und ist seitdem eher zu Lars Eidinger spielt Hamlet – aber es sind auch andere Leute auf der Bühne geworden. Und eigentlich hat keiner der anderen Schauspieler*innen so etwas verdient. Aber wenn man neben Lars Eidinger spielt, kann man sich das wohl nicht aussuchen.
Und noch als Tipp: Nach der Vorstellung sind Leute aus dem Publikum nach vorne zur Bühne gegangen und haben Bilder gemacht, wie sie die Blumenerde in ihren Händen halten. Eine perfekte Art und Weise, sich als Tourist zu outen!

© Gianmarco Bresadola

Ungeduld des Herzens (Schaubühne, 07.03)
So, wir sind beim letzten Stück auf dieser Liste angekommen. Ungeduld des Herzens ist der einzige Roman, den Stefan Zweig jemals zu Ende geschrieben hat. Wieso das so ist, weiß ich nicht, es ist einfach so. In dem Stück geht es um einen jungen Soldaten namens Hofmiller, der die querschnittsgelähmte Tochter Edith des reichsten Mannes im Ort bei einem Empfang zum Tanz auffordert. Erst danach wird ihm mitgeteilt, dass Edith nicht tanzen kann, und Hofmiller schämt sich in Grund und Boden. Aus dieser Scham entwickelt sich Mitleid gegenüber Ediths Situation und Hofmiller beginnt, den größten Teil seiner Zeit mit ihr zu verbringen. Sie verliebt sich in ihn, natürlich. Nun ist es zu spät, sich rauszureden. Dramatisch, dramatisch. 

Man fragt sich Ist das alles wirklich nötig?

Was sich im ersten Moment nicht unglaublich anspruchsvoll anhört, wird bei dieser Inszenierung von Simon McBurney einfach nur ausgeschlachtet. Es passiert extrem viel, sowohl bezogen auf die Handlung, als auch bezogen auf die Bühne. Ein älterer Hofmiller erzählt die Handlung, während der Hofmiller der Vergangenheit mittendrin ist.

© Gianmarco Bresadola

Die anderen Schauspieler*innen haben feste Rollen, aber erzählen auch passiv. Es gibt mehrere Tische und Stühle, ein Klavier, Notenständer, auf denen der aufzusagende Text steht, eine Dokumentenkamera, die auf die hintere Wand der Bühne projiziert wird. Dann noch Strobo, ein Schaukasten, den die Protagonist*innen manchmal einfach betreten, und gegen Ende stürzt auch noch die Decke ein.
Es passiert wirklich viel. So viel, ich kann mich nicht mehr an das Ende erinnern. Das Storytelling ist kreativ, keine Frage, aber rückblickend wirkt das ganze Stück etwas over the top. Ein Höhepunkt jagt den nächsten, die Handlung schaukelt sich immer weiter hoch, bis irgendwann mehrere Liter Kunstblut plötzlich aus der Vitrine im Hintergrund kommen. Man fragt sich Ist das alles wirklich nötig?
Ungeduld des Herzens ist ein gutes Stück, keine Frage. Beinahe ein Erlebnis, irgendwie. Ich würde niemandem abraten, das Stück nicht zu besuchen, außer vielleicht Epileptikern. Aber insgesamt ist es wirklich einfach unglaublich viel. Es hat mich müde gemacht.
Wenigstens gab es keine Drehbühne.

So, fertig. Es ist jetzt sieben Uhr morgens und ich habe noch nicht geschlafen. Ich hoffe, alle sind zufrieden. (Liest du das hier, Mutter?)
Auf ein nächstes Mal, ich bin bald wieder zurück!

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