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Angels in America – Ich glaub‘ ich bin in der Oper

Es gibt viele Sachen, von denen ich keine Ahnung habe und dazu gehört definitv Kunst.
Einen Theaterblog zu führen, wenn man keine Ahnung von Kunst hat, erscheint kontraproduktiv. Doch auf den zweiten Blick ergibt es schon Sinn, jedenfalls habe ich mir das eingeredet: Im Endeffekt übe ich durch Szenensucht schließlich, Ahnung von Theater zu haben. Würde ich diesen Blog regelmäßig führen, wäre ich inzwischen wohl eindeutig besser darin, keine Frage.
Inzwischen herrscht große Stille im Berliner Theateruniversum, es sind Spielzeitferien, also werde ich wohl erst ab September in die Zuschauer*innenräume dieser Stadt zurückkehren und diesen Blog bespielen.
Eine Sache jedoch hat sich ereignet, die ich euch auf diesem Weg mitteilen musste:

Ich war in der Oper.

Am 27. Juni 2019 fand die Berliner Erstaufführung von Angels in America statt. Eigentlich ein Theaterstück von Tony Kushner, irgendwann als Opernadaption von Peter Eötvös erstmalig im Théâtre du Châtelet in Paris zu sehen, und jetzt von den Student*innen der UdK Berlin auf die Bühne gebracht.
Von Opern verstehe ich noch weniger als von Theater und normalerweise würde ich mich auch nicht mit dieser Gattung auseinandersetzen wollen, jedoch hatte ich in diesem Fall keine Wahl.
Insider wissen, dass ich derzeit im Pressebüro der Universität der Künste arbeite, ich wurde also unmittelbar mit dieser Inszenierung konfrontiert und musste mich damit auseinandersetzen.

Devi Suriani als verzweifelte Harper © Jacintha Nolte

Jetzt aber erstmal die Formalitäten:

Angels in America spielt im New York der 1980er Jahre und besteht aus drei Erzählsträngen:
Prior Walter wird mit AIDS diagnostiziert. Sein Partner Louis Ironson kann dies nicht verarbeiten, zieht sich zurück und trennt sich schlussendlich von Prior, während dieser in einer Klinik behandelt wird.
Joe Pitt, Mormone und eigentlich homosexuell, führt eine Ehe mit der Valium-abhängigen Harper. Als Joes Homosexualität ans Licht kommt, verschlimmert sich Harpers Abhängigkeit und Joe geht eine Affäre mir Priors Ex-Freund Louis ein.
Und zuletzt geht es um Roy Cohn, einen Anwalt, welcher wirklich mal existiert hat. Während er sich selber nicht eingestehen will, dass er homosexuell ist, erkrankt er an AIDS und stirbt, wobei er sich einredet, Leberkrebs zu haben.
Die drei Hauptprotagonist*innen Prior, Harper und Roy werden von unterschiedlichen Erscheinungen heimgesucht, welche sowohl Projektionen ihres Unterbewusstseins sind, als auch existierende Engel. Vor allem Prior hat mit letzteren einiges zu tun.

Wie man schon bemerkt haben könnte, handelt es sich nur bedingt um die Oper eines Ottonormalverbrauchers. Die Handlung behandelt ein noch immer sehr aktuelles Thema und genauso modern wurde diese auch umgesetzt. Gesungen wird auf Englisch und der gute colloquial slang kommt dabei nicht zu kurz. Zu hören wie ein professioneller Opernsänger Why do I have this erection? singt, ist schon ein Erlebnis.
Auch musikalisch ist das ganze sehr modern gehalten: Da eigentlich Theaterstück, also sehr textlastig (obviously), stützt sich die Oper auf eine Art von Sprechgesang, untermalt vom grandiosen Symphonieorchester der UdK mit Musik, die sich im ersten Moment als sehr gewöhnungsbedürftig herausstellt. Irgendwie wie Zwölftonmusik, die sich an Stimmung und Ton des*der Sänger*in anlehnt..? Ich habe keine Ahnung von sowas, wohlgemerkt.

Ein Krankenhausbett, eine goldene Löwenstatue, eine überdimensionale Toilette.

v.l.: Sassy Belize (Eduardo Rojas), kranker Prior (Benjamin Popson) und baldiger Ex Louis (Alexander Fedorov) © Jacintha Nolte

Neben den Student*innen aus dem Studiengang Gesang/Musiktheater und des UdK-eigenen Symphonieorchesters, wirken auch die Studiengänge Kostümbild und Bühnenbild mit.
Natürlich gibt es eine Drehbühne und inzwischen sollte man meine Ablehnung dieser gegenüber mitbekommen haben, doch dieses Mal kann ich darüber hinweg sehen. Die Student*innen für Bühnenbild haben eine großartige Arbeit geleistet:
Wie ein Monument steht inmitten dieser Drehbühne eine Treppe, die in die Höhe führt. Auf einer Seite sind die Stufen komplett einsichtlich, von der anderen Seite von Milchglas abgeschottet. Durch diese massive Konstruktion führt ein Paar von Flügeltüren hindurch, welche die beiden Bühnenabschnitte verbindet. Sonst relativ minimalistisch gestaltet, erfüllt die Treppe genau ihren Zweck. Inhaltlich führt die Treppe in den Himmel, dramaturgisch teilt sie den Raum in zwei: Prior und Harper werden immer wieder gegenübergestellt, obwohl sie sich nur in einer Vision begegnen. Abhängigkeit vs. Krankheit, beide leiden unter dem Schmerz von Trennung und brutaler Realität.
Neben der hiesigen Treppe gibt es aber auch nicht viel mehr Bühnenbild. Ein Krankenhausbett, eine goldene Löwenstatue, eine überdimensionale Toilette. Das Übliche eben. 

Von den Kostümen bin ich persönlich Fan, insbesondere der, die Eduardo Rojas in seinen drei Nebenrollen trägt: Mr. Lies, eine Erscheinung Harpers, vollkommen in Latex gekleidet; eine obdachlose Frau in der Bronx, stilsicher in Zeitungspapier; und schlussendlich Belize, Krankenpfleger Priors, der sich neben dem typischen Krankenpfleger*innen-Oberteil eine glitzernde Pailettenhose und Plateau-Cross stehen lässt. Wie immer, der Teufel liegt im Detail.

Opern sind eben manchmal einfach etwas langsamer.

Drag, baby! Xenia Cumento als Engel © Jacintha Nolte

Was kann ich sonst noch sagen?
Opern sind normalerweise nicht so mein Fall, wie ich schon sagte, und ich schätze, dass ich bei dieser Inszenierung so gut darauf zu sprechen bin, weil ich mich durch meine Arbeit näher damit beschäftigen musste.
Es ist eine gute Oper, keine Frage. Es ist unglaublich erfrischend eine Oper mit moderner Thematik zu sehen. Mit Drag, Sexualität, brutaler Ehrlichkeit und Sprache, die nicht so steif ist, wie man es sonst aus Opern gewöhnt ist.
Gleichzeitig interessiert es mich, wie sich das Stück im Original, also als wirkliches Theaterstück, anfühlt. Teilweise hatte ich das Gefühl, dass der Witz des Stückes, der bissige Sarkasmus und die schnellen Wortwechsel durch das Medium der Oper verloren gegangen sind.
Opern sind eben manchmal einfach etwas langsamer. Und umso länger die Vokale gesungen werden, desto unverständlicher wird auch eine Sprache, selbst wenn es die Muttersprache ist.

Ich hatte das Privileg einer der Proben der Inszenierung beizuwohnen und bin rückblickend unglaublich beeindruckt, wie schnell die Mitwirkenden so eine Produktion auf die Beine bringen konnten. Vor ein paar Wochen sang Harper noch in eine echte Klobrille, bei der Premiere war es dann eine überdimensionale, mit Lampen ausgestattete Klobrille. Das Konzept des Bühnen- und Kostümbilds wurde in enger Zusammenarbeit während der laufenden Proben erarbeitet und umgesetzt. Angeleitet wurde das ganze von drei wunderbaren, talentierten und sympathischen Frauen, die es nicht besser hätten machen können.

Vor allem die Regisseurin Isabel Hindersin hat mich beeindruckt. Abgesehen davon, dass sie scheinbar eine Alleskönnerin ist (Schauspielerin, Professorin und Simultandolmetscherin), war sie sehr freundlich zu mir – was man bei Menschen im Kunstbetrieb leider nicht auf Anhieb erwarten kann -, motiviert und, was mich besonders freut, hat die Inszenierung klar und verständlich gestaltet.
Gegen Ende konnte ich die Handlung nicht mehr ganz nachfühlen, was aber meine persönliche Meinung gegenüber dem Werk selbst ist. Der ganze Fokus, welcher auf die Erscheinungen und Engel gelegt wurde, der seinen Höhepunkt in Priors Besuch im Himmel findet, lässt sich nicht so ganz verbinden mit der ernstzunehmenden Thematik der Verbreitung von AIDS, finde ich. Möglich, dass Tony Kushner diese Verbindung für sich selbst schlüssig fand, da er selbst homosexuell ist und Mittelalterforschung studiert hat (und da gab es ja reichlich Engel, etc.), aber ich als Laie bin da ratlos.
Trotzdem verstrickt sich Hindersin nicht in schnörkeligen Metaphern, ihre Bilder sind klar und pragmatisch. Und so mag ich das auch.

Dieser Post ist im Rahmen meines FSJ Kultur an der Universität der Künste Berlin entstanden.

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